E-Mails auf Benachrichtigungen der Partnersuche überprüfen. Einloggen. Neue Nachrichten beantworten. Partnersuche mit neuen Parametern anwerfen. Vielleicht doch den Suchradius vergrößern? Kinder? Tätowiert? Wie alt maximal? Suche starten. Seitenweise scrollen. Links wischen, rechts wischen. Interessante Profile anschreiben. Und dann heißt es wieder: Abwarten und Hoffen. Online-Dating zur Partnersuche ist nicht immer nur Spaß und Zeitvertreib. Wenn man gleich auf mehreren Seiten angemeldet ist, artet es bisweilen sogar in Arbeit aus. Jeder neue Kontakt will ganz individuell angeschrieben werden. Und wenige antworten seriös zurück. Trotzdem, die Kontaktaufnahme ist unkompliziert: aussuchen, anschreiben, warten. Im besten Fall aber losflirten und die große Liebe finden. Im schlechtesten weitersuchen.

Online-Dating erfreut sich großer Beliebtheit

Geht man mit offenen Augen durch die Welt, gewinnt man zumindest der Eindruck, dass Online-Dating in aller Munde ist. Plakate, TV-Werbung, Online-Werbung. Laut der Übersichts- und Testseite ZU-ZWEIT.de gibt es allein in Deutschland über 2.500 verschiedene Portale. Nach einer Bitkom-Studie sind inzwischen mehr als die Hälfte der befragten Online-Nutzer davon überzeugt, dass Online-Dating eine unkomplizierte Möglichkeit ist, um einen neuen Partner finden zu können. 1.000 Nutzer wurden dazu befragt. Davon glauben 42% sogar, dass Online-Dating ein guter Weg ist, um seine große Liebe zu finden!

Partnerbörsen haben eine lange Geschichte

„Gerade für Schüchterne und Menschen mit wenig Zeit sind Dating-Plattformen eine gute Alternative, neue Kontakte zu schließen und einen passenden Gegenüber kennenzulernen“, sagt Bitkom-Expertin Julia Miosga. Und das nicht erst seit gestern. Aufzeichnungen datieren zurück bis ins 17. Jahrhundert, als Kontaktanzeigen zur Partnersuche für britische Junggesellen eine neue, innovative Möglichkeit darstellten, um nach geeigneten, heiratswilligen Frauen zu suchen.

Im 18. Jahrhundert wurden sie gar probates Mittel gegen gesellschaftliche und politische Unterdrückung, als Homosexualität z.B. in England noch mit der Todesstrafe belegt war. Allein zwischen 1800 und 1834 wurden über 80 Männer für homosexuelle Handlungen gehängt. Partnersuchanzeigen, die mit Codewörtern getarnt waren, stellten eine der wenigen Möglichkeiten zur homosexuellen Kontaktsuche dar – wenngleich die Angst vor dem Auffliegen stets wie ein Damoklesschwert über einem hing.

Eine erste mit den heutigen Seiten vergleichbare Dienstleistung zur Partnersuche findet sich aber erst 1965, als ein Team an der Harvard-Universität die erste Computer-basierte Partnervermittlung programmierte. Operation Match war das Projekt damals getauft worden. Und 3 US-Dollar kostete der Dienst, indem Nutzer Fragebögen ausfüllen mussten, anhand derer sie mit potentiellen Partnern auf Übereinstimmung bewertet und gematcht wurden. Ruft man sich Tinders beliebtes User Interface ins Gedächtnis, flößt die damalige Umsetzung auf einem IBM Mainframe 1401 fast schon Respekt ein.

 

Partnersuche als zweitgrößte Online-Industrie

Bis zum Jahr 2007 wuchs Online-Dating schließlich zur zweitgrößten Online-Industrie heran. Und die Nutzer sind heute noch bereit tief in die Tasche zu greifen, um ihrem Traum vom Lebensglück näher zu kommen. 40% der von Bitkom befragten Nutzer gaben an, mehr als 30€ pro Monat für Dating-Dienste auszugeben. 30% immerhin noch zwischen 20-30€. Und der Boom hält weiterhin an. Die Nutzerzahlen wachsen stetig. Allein im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Partnersuchdienste ein Wachstum von 3%.

Alles Gold was glänzt?

Aber wie aussagekräftig kann man diese Zahlen einschätzen? Gibt es eine Fülle an ernsten Angeboten, auf denen Liebe suchende Singles angemeldet sind, die ernst und ehrlich nach Kontakten suchen? Lohnt es sich, blind teuren Mitgliedschaften zuzustimmen und dabei einfach auf Erfolg zu hoffen?

OpinionMatters hat über 1.000 Nutzer befragt. 53% der Befragten gaben dabei zu, in ihrem Online-Dating-Profil schon einmal gelogen zu haben. Die Mehrheit bildeten dabei Frauen, die hauptsächlich über ihr Aussehen schummeln. Häufig werden ältere Bilder eingestellt, auf denen sie jünger sind. Männer stellen hingegen eher Unwahrheiten über ihre finanzielle Situation ein.

Wovor Menschen beim Online-Dating Angst haben

Wovor Menschen beim Online-Dating Angst haben. Quelle: Kaspersky

Vor diesem Hintergrund wundert es auch nicht, dass knapp ein Drittel aller Beziehungen, die über eine Online-Partnersuche entstanden sind, innerhalb des ersten Jahres wieder auseinander brechen. Ehepaare, die sich online gefunden haben, lassen sich sogar 3x häufiger scheiden als ihre konservative Gegenstücke.

Ein großes Problem vieler Seiten sind aber nicht die Schummeleien, das Schönreden oder die Trennungsquote hinterher, sondern Fake-Profile. Fake-Profile sind Profile, die entweder vom Betreiber eingestellt werden, um höhere Mitgliedszahlen vorzutäuschen, neue Nutzer anzuziehen und diese in teure Mitgliedschaften zu locken. Oder sie werden von realen Nutzern angelegt und ohne ernste Absichten zum Täuschen anderer Mitglieder genutzt.  So sollen Männer im Jahr 2017 rund 100 Millionen Euro für Datingseiten mit mehr als 90 Prozent Fakes ausgegeben haben – und die Schätzung sei dabei „sehr konservativ“, so Henning Wiechers von Singlebörsen-Vergleich. Bei genauem Hinsehen kann man sich auch schnell davon selbst überzeugen. Ein schneller Blick in die AGBs vieler Anbieterseiten offenbart Sätze wie den folgenden, der sich bei Go4Flirt findet (Stand September 2018):

Dazu legen Moderatoren, die vom Betreiber beschäftigt werden, eine Vielzahl von Profilen fiktiver Personen an und geben sich als diese fiktive Person aus.

Und solche Fälle sind bei weitem kein Einzelfall. Eine Liste bekannter Portale zur Partnersuche, die sich solcher Methoden behelfen, findet sich z.B. bei der Verbraucherzentrale, die darin allein 187 verschiedene Online-Dating-Portale identifiziert hat und mit der Liste Nutzer warnen möchte.

Wie sieht die Zukunft der Partnersuche aus?

Dass Online-Dating auch zukünftig Bestand haben wird, erscheint in Anbetracht der obigen Zahlen, der langen Geschichte und den lukrativen Geschäftsmodellen unbestreitbar. Aber mit zunehmender Marktsättigung ist der Bedarf der Nutzer nach Innovationen größer denn je. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass eine bloße Ansammlung flirtwilliger Kandidaten sich sogar negativ auswirken kann. Die US Association of Psychological Science stellte in Studien fest, dass mit größerer Auswahl und sich wiederholender Kandidatenauswahl auch die Ansprüche der Nutzer stiegen, sie schneller oberflächlich urteilten und weniger kompromissbereit erschienen, als sie sich in konventionellen Situationen des Kennenlernens verhalten würden.

Die Plattformen müssen neue Wege gehen, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen. Tinder machte es mit einer innovativen Bedienschnittstelle vor, die Spaß macht und die Kandidatenauswahl auf ein Daumenwischen reduziert. Das fand inzwischen etliche Nachahmer – Plenty of Fish, Hot or Not und Bumble sind nur drei von vielen weiteren. Während die einen noch Tinders Interface nachahmen, geht Tinder bereits den nächsten Schritt und stellt jüngst eine Kooperation mit Foursquare vor – dem standortbasierten Empfehlungsdienst, der besonders in den USA beliebt ist. Ihr gemeinsames Ziel: Partnerempfehlungen anhand gemeinsamer Vorlieben für Restaurants, Cafés, u.ä. Sprich: du und ich mögen beide denselben Sushi-Laden, dann sollten wir uns vielleicht mal kennenlernen…

Datenflut und KI-basierte Dienste

Und tatsächlich geht Tinder damit den scheinbar richtigen ersten Schritt, weg vom Hot or Not-Prinzip und hin zu einem Match auf Basis gemeinsamer Vorlieben und Gewohnheiten. Die Kooperation mit Foursquare macht es dabei einfach für den Nutzer, weil er keine ergänzenden Informationen angeben muss. Das hat er ja bereits in Foursquare gemacht. Tinder greift lediglich auf die Infos zu und verarbeitet die Daten noch ein bisschen smarter.  Denkt man darüber nach, wo sonst noch Daten von uns herumschwirren, scheint es einen kleinen Steinwurf entfernt, auch diese Daten dafür einsetzen zu wollen. Alle unsere Facebook-Likes geben Aufschluss über Musik, Filme, Essen und Hobbies. Twitter-Beiträge erlauben unsere Stimmungen, politische Meinungen und Leidenschaften herauszulesen. Und die Liste wird immer länger, je intensiver man darüber nachdenkt. Und erste Schritte, um noch mehr Infos auszulesen und in diesem Wulst von Daten KI-basierte Gehversuche zu etablieren finden sich bereits heute – z.B. mit Viola.AI.

Gefahren und Sicherheitsrisiken

Die Zukunft mag rosig aussehen. Eine unkontrollierte Kombination verschiedener Profile quer durch das Netz birgt aber auch viele Risiken. Und darüber scheinen nach jüngsten Studien auch viele Nutzer bereits im Klaren zu sein. In einer von Kaspersky durchgeführten Studie gaben allein 57% der Befragten an Angst davor zu haben, dass ihre eingestellten Profildaten von anderen schadhaft ausgenutzt werden könnten. Erpressung, Rufschädigung bei der Arbeit, Betrugsversuche, usw. wurden dabei als Hauptängste genannt. 61% haben sogar Angst davor, dass die Daten unkontrollierbar verloren oder gestohlen werden.

Worauf man achten sollte

Allgemein gilt wie auf anderen Seiten auch, dass man vorsichtig mit seinen eigenen Daten umgesehen sollte. Ist die Seite kostenlos, sind die Nutzer mit großer Wahrscheinlichkeit das eigentliche Geschäftsmodell und ein Handel mit den Nutzerdaten liegt nahe. Aber auch bei seriösen Seiten ist Vorsicht geboten: Ist die Seite SSL-verschlüsselt oder übertrage ich meine Daten unverschlüsselt an den Server des Anbieters? Welche Informationen muss ich zwingend über mich einstellen, damit ich den Dienst überhaupt nutzen kann? Werden neben meinem Nutzerkonto auch meine Rechnungsdaten auf der Seite gespeichert oder kümmert sich darum ein externer Zahlungsdienstleister? Ist der Zahlungsdienstleister unabhängig vom Dating-Dienst oder gehören beide zusammen? Muss ich mich zwingend mit meinem Facebook-Konto registrieren oder werden auch Alternativen angeboten? Ist es ein deutscher oder zumindest europäischer Anbieter oder sitzt der Anbieter z.B. in Hongkong?

Lukratives Geschäftsmodell: Viele Seiten gehören denselben Betreibern

Uns überraschte auch, wie viele Dating-Seiten demselben Anbieter gehören. Häufig werden für verschiedene Nischen unterschiedliche Portale angeboten und jede muss mit einer eigenen kostenintensiven Mitgliedschaft genutzt werden. In Europa ist die Meetic-Gruppe Marktführer für Online-Dating-Dienste. Lovescout24, Secret, Neu.de und viele weitere Portale gehören dem Betreiber an. Jüngst wurde mit Zweisam.de eine Plattform lanciert, die auf Partnersuchende jenseits der 50 abzielt. Natürlich mit individuellen Ablegern in Frankreich, England und Deutschland. Und einer groß angelegten Werbekampagne renommierter Werbestudios. Poppen.de bietet sich als große Dating-Plattform für erotische Abenteuer an, hat mit Gay.de aber ein zweiten Ableger, der sich auf homosexuelle Kontakte konzentriert. Ein Blick in die jeweiligen Impressen klärt auf und überrascht oft.

Wie soll man damit umgehen

Es gibt eine Flut verschiedener Dating-Seiten und -Anbieter und wie so oft muss man für sich die richtige Nische finden. Ist die Absicht eine seriöse Partnersuche oder sucht man Sexkontakte für Abenteuer? Generell sollte man vorsichtig und zurückhaltend mit den Daten umgehen, die man zu teilen bereit ist. Profile, zu denen man Kontakt aufnimmt, sollten geprüft werden – entweder durch den Dienstanbieter oder einen selbst. Auch sollte man sein Glück auf verschiedenen Seiten streuen, dabei aber auf verschiedene Anbieter und die jeweiligen Vorteile ihrer verschiedenen Plattformen und Alleinstellungsmerkmale setzen. Die Seriosität der Anbieter sollte einen überzeugen und transparent dokumentiert und nachvollziehbar sein. Und auch wenn es mühsam erscheint, gibt ein Blick in die AGBs oft schon Auskunft darüber, mit welcher Intention der Betreiber die Seite anbietet.

Wie auch im echten Leben sollte man eine gesunde Skepsis an den Tag legen, dabei aber offen für Überraschungen sein. Die große Liebe sollte mit offenen Armen empfangen werden, die Tür gleichzeitig aber nicht jedem sperrangelweit offen stehen. Prinzipiell lässt sich nichts gegen Online-Dating-Dienste sagen. Sie erleichtern vieles und bieten eine große Fülle verschiedenster Vorteile. Was die Zukunft bringt ist ungewiss. Aktuelle Entwicklungen lassen zumindest spannendes erhoffen und prophezeien, dass neue Innovationen den Markt grundlegend beeinflussen werden.